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Warum ich ab sofort die GEMA, ACTA und Co. unterstütze

Bis heute war ich wie ihr, ich war empört über jede Entwicklung im Bereich des Urheberrechts. Ich fand Sachen wie ACTA und die Änderungen der GEMA Tarife unmöglich.
Ich war noch extremer als ihr es seid. Seit zwei Jahren plädiere ich für sogenannten Postcopyrightism – ein gerechtes System, das die Hegemonie des heutigen Modells von geistigem Eigentum (u.a. Urheberrecht) ablöst.

Aber ich habe mir anders überlegt. Eigentlich, ab heute finde ich ACTA, SOPA, PIPA, HADOPI, die GEMA Tarife, IPRED, das neue Leistungsschutzrecht für Presseverleger [1,2,3] und sogar das Abmahnwesen unterstützungswert.

Lass mich erklären warum:

Seit Jahrzehnten entwickelt sich ein Mechanismus, der alles andere tut, als was er eigentlich tun soll.

Anstatt kreatives Schaffen zu unterstützen – verhindert er es.

Anstatt Zugang zu Information, Wissen und Kultur zu schaffen – verknappt er ihn.

Anstatt Chancengleichheit – werden die (Informations- und Wissens-)Reiche reicher während die Armen ärmer werden.

Anstatt die Wissenskluft und digitale Kluft zu überwinden – vertieft er diese und reproduziert die Abhängigkeit von Entwicklungsländern im Westen (klingt nach Kolonialismus der Informations- und Wissensgesellschaft? Genau so ist es).

Anstatt die UrheberInnen zu schützen und vergüten – hat er sie zu Vasallen der Verwertungsindustrie gemacht.

Anstatt Leben durch Produktion von günstigen Medikamenten zu retten – sichert er Gesundheit nur für die, die bezahlen können.

Das ist der Copyrightsmechnismus.

Als die “digitalen Zeiten” und das Internet kamen, haben sie Information vom physischen Medium getrennt und damit die Kontrollemechanismen über die Verbreitung von Information, Wissen und Kulturgut obsolete gemacht. Weiterhin haben sie die Produktions- und Konsumverhalten sowie die Empfindung von Informations- und Kulturgegenstände grundlegend geändert.

Aber die imaginierte Freiheit, die dadurch entstanden ist, dauert nicht lange.

Napster ist Nostalgie.

Schnell wurden Youtube Videos gesperrt.

Kino.to ist abgeschaltet und dessen NutzerInnen werden verfolgt.

ACTA und SOPA gefährden unsere bürgerliche Rechte wie Meinungs- und Meinungsäußerungsfreiheit, Privatsphäre, Zugang zu Bildung und Wissenschaft – und dazu kommen die intransparente und undemokratische Entwicklung dieser Abkommen.

Die GEMA mahnt Kindergärten wegen Lieder-Singen ab ; bedroht die Existenz von Kultureinrichtungen und macht den Zugang dazu nur den Reichen möglich ; und erhöht die Preise von Speichermedien um 1850%.

Das aktuell debattierte Leistungsschutzrecht für Presseverleger bedroht die Informationsfreiheit.
News-Aggregatore, BloggerInnen, Twitter-NutzerInnen etc. sollen künftig Verlagen dafür Bezahlen, dass sie durch Verlinkung die Verlage mit LeserInnen beliefern, sonst können sie mit Abmahnungen rechnen. Hier macht auch der unterschied zwischen privater und kommerzieller Nutzung nichts aus.
Genauso viel Sinn macht es, wenn Marketingagenturen ihren Kunden für erfolgreiche Werbung bezahlen sollen oder wenn Konsumenten abgemahnt werden, weil sie ihren Freunden ein Geschäft oder Produkt empfohlen haben.

Durch Abmahnungen kassieren Anwaltskanzleien Millionenbeträge, wenn gleichzeitig jugendliche durch die Sommerferien arbeiten müssen, um diese zu finanzieren. Diese jugendliche übrigens, werden nie wieder Kultur konsumieren wollen. Anscheinend ist die Seele eines jugendlichen auf dem Markt 1000 Euro wert.

TRIPS, ACTA und ähnliche Abkommen stellen sicher, dass BürgerInnen von Entwicklungsländern sterben, weil sie die Preise für patentierte Medikamente gegen AIDS und andere Krankheiten einfach nicht bezahlen können.

Und die Liste geht weiter…

Unterstützungswert ist es weil…

Je Absurder die Entwicklung, je mehr Bürgerrechte verletzt werden, je mehr Durchschnittsmenschen davon betroffen werden, je mehr die UrheberInnen selbst realisieren, dass sie andere Möglichkeiten haben… desto nähern wir das benötigte Umdenken.

Je mehr von unseren Lebensbereichen betroffen sind, desto besser verstehen wir, dass es hier nicht um kleine Phänomene geht, die korrigiert werden sollen, sondern um ein krankhaftes System.
Ein System, das ausschließlich die finanziellen Interessen von kapitalistischen Akteuren dient.
Ein System, das Grundlegend verändert werden muss, damit solche Phänomene gar nicht auftauchen könnten.

Je mehr die Gesetzgebung die Interessen von wenigen (aber machtvollen) vor den Interessen der Gesellschaft ziehen, desto näher und gerechter ist der zivile Ungehorsam (nicht weil das der Zweck ist, sondern weil es leider keine andere Wahl gibt).

Je mehr die korrupten Koalitionsparteien in die Hände der Wirtschaft spielen, desto klarer wird es, dass wir diese Abwählen müssen.

ACTA, SOPA, PIPA, HADOPI, GEMA, IPRED, Leistungsschutzrecht für Presseverleger, Abmahnwesen und co. sind unterstützungswert weil…

sie Symptome eines Systems sind, das von seiner eigenen Macht überwältigt ist und nur von seiner eigenen Unersättlichkeit zerstört werden kann.

HADOPI, PIPA, SOPA -> Now ACTA -> What’s Next?

(Please scroll down for the ENGLISH VERSION)

Am 18. Januar 2012 wachten viele von uns in einer merkwürdigen Welt auf. Wikipedia war nicht da. Auch Google, Youtube, WordPress, Mozilla, Reddit, Greenpeace und viele andere waren ‚geblackoutet’.

Viele kannten das Problem bereits, viele wurden durch diese Aktion erst darauf aufmerksam, viele waren schockiert und gingen auf die Straße. Hingegen waren es nur wenige, die an diesem Tag unglücklich waren, weil ihr Plan gescheitert war.

SOPA war nicht das erste. Vorreiter waren HADOPI und DEA (in der EU) und PIPA (in den USA). Jetzt ist ACTA dran… und wir gehen wieder auf die Straße.

ACTA wird scheitern, das verspreche ich euch. Was passiert aber dann? Ist unser Kampf zu Ende? Hat die Gesellschaft ihre erwünschte Freiheit gewonnen oder sitzen die Akteure und Lobbyisten in diesem Moment zusammen und planen die nächste Attacke aufs Internet? (Im Namen des Urheberrechts natürlich).

Es ist gut, dass wir diesen Samstag (11. Februar 2012) auf der Straße gehen. Es ist gut, dass am 18. Januar das Internet verdunkelt wurde. Es ist schlecht, wenn wir an diesem Punkt aufhören.

Uns beherrscht ein tiefer liegendes Problem, wovon HADOPI, PIPA, SOPA und ACTA nur Symptome sind. Copyrights ist ein problematischer Mechanismus. De jure ist es wichtig, die Rechte des Urhebers zu schützen. De facto geschieht etwas anderes. Das ist ein Mechanismus, der dazu dient:

  • unser kulturelles Kapital für finanziellen Profit zu opfern;
  • die Kluft zwischen den (Informations)habenden und nicht-habenden zu vertiefen anstatt zu überwinden;
  • die Abhängigkeit der Entwicklungsländer vom Westen zu reproduzieren und auf eine neue (digitale) Ebene zu übertragen;
  • und mit Gesetzten wie HADOPI, PIPA, SOPA und ACTA werden unsere Informationsfreiheit, Freiheit der Meinungsäußerung u.v.m. unterdrückt.

Gegen das letzte protestieren wir jetzt.

Aber wenn wir nach dem Protest nach Hause gehen, müssen wir uns Gedanken machen.

  • Warum bekämpfen wir die Symptome und nicht die Krankheit?
  • Warum lassen wir kommerzielle Akteure und ihre Lobbyisten unsere Politik steuern und Grundrechte verletzen?
  • Warum nicht nach einen Modell streben, das die Interessen der SchöpferInnen und der Gesamtgesellschaft fördert, aber die Interessen kapitalistischer (und in einer globalisierten, digitalen Ökonomie kaum-funktionstragender) Akteure ausschließt?

So kämpfen wir nicht nur wenn die Gefahr uns deutlich wird. Wir kämpfen gegen die latente Gefahr, von der wir ständig betroffen sind. So kämpfen wir nicht nur für uns, wir kämpfen auch für andere, denen Widerstand (noch) nicht möglich ist.

Ausführlicher zu diesem Thema; Die Gefahr, die sich in den Entwicklungen des Copyrights verbirgt; Mögliche Lösungen; Anschluss an Produktion, Distribution und Konsum von Information; Der Bezug zu Kapitalismus u.v.m.:


http://drawer20.wordpress.com/category/postcopyrightism/

HADOPI, PIPA, SOPA -> Now ACTA -> What’s Next?

ENGLISH VERSION

On the January 18th 2012 many of us woke up into a strange world. Wikipedia wasn’t there. Also Google, Youtube, WordPress, Mozilla, Reddit, Greenpeace and many more were under a blackout.

Some already knew the problem, some became aware of it thanks to this action, many were shocked and went out protesting on the streets. In contrast, a very few weren’t shocked on that day, neither were they pleased upon SOPA’s withdrawal. Their plan failed.

SOPA wasn’t the first. Precursors were HADOPI and DEA in the EU as well as PIPA (a.k.a Protect IP and its own precursor COICA) in the U.S. Now it’s ACTAs turn… and we’re going on the streets again, protesting.

ACTA will fail, I can promise you that. But what will happen next? Is it the end of our struggle? Has society reached its desirable freedom or are they actors and lobbyists planning the next attack on the Internet at this very moment? (In the name of Copyrights of course).

It’s good that we’re going out and protest this Saturday (February 11th 2012). It’s good that the Internet was blacked-out on January 18th. It’s bad if we stop at this point.

We suffer under a much deeper problem, of which HADOPI, PIPA, SOPA, and ACTA are only Symptoms. Copyrights is a problematic mechanism. De jure it is important to protect the rights of creators. De facto something completely different happens. This is a mechanism that:

  • Sacrifices our cultural capital in sake of financial profit;
  • Deepens the divide between the ‘Haves’ and ‘Have-Nots’ instead of overcoming it;
  • Reproduces the dependency of developing countries in the west, thus bringing colonialism on a new (digital) level;
  • Threatens intellectual freedom, freedom of expression, access to knowledge etc. with bills such as HADOPI, PIPA, SOPA, and ACTA.

Today we protest against the latter.

However, when we go home after this protest, we MUST think some issues through:

  • Why to we fight the symptoms and not the disease?
  • Why do we let commercial actors and their lobbyists navigate out politic and violate our basic rights?
  • Why don’t we pursue a model that includes the interests of creators and of society as a whole, but excludes the interests of capitalist (and in a globalized, digital economy – hardly contributive) actors?

In this manner, we don’t only fight the danger when it becomes clear and visible. We fight against the latent danger, by which we are constantly affected. In this manner, we fight not only for us, we fight for others, for which resistance isn’t possible (yet).

Elaboration on these themes; the danger hidden in the developments of Intellectual Property legislations; possible solutions; the connection to production, distribution, and consumption of information; the relation to capitalism; and a good deal more:
http://drawer20.wordpress.com/category/postcopyrightism/

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