Vom helluō librōrum zum Bücherwurm 2.0? – eine Replik
Im Aktuellen Heft vom Bibliotheksdienst (Bibliotheksdienst 46. Jg. (2012), H.6 S.487-492 – Link zum Volltext) gibt es eine „Entgegnung“ auf meinen Artikel „Zwischen Bibliothekaren und Bücherwürmern. Über das (fehlende) soziale Engagement der Information Community“ (H. 3/4 S. 171-181).
Hier handelt es sich um eine inhaltlich ziemlich dünne Auseinandersetzung mit meinem Artikel, die sich eigentlich als einen Anti-Piraten Text auszeichnet. Anstatt sich dem Inhalt meines Ansatzes zu widmen, wird im Artikel auf meine Person konzentriert und mir den Versuch vorgeworfen, eine „Wahlwerbung“ für die Piratenpartei über den Bibliotheksdienst fördern zu wollen.
Diese Lesart meines Artikels finde ich aus einigen Gründen problematisch:
Hier zunächst was im Artikel als Agenda der Piratenpartei betrachtet wird: Ablehnung der Vorratsdatenspeicherung, Überarbeitung des UrhG und kritische Betrachtung des Staatstrojaners. Dies kann man sowohl in Wahlprogrammen als auch in den Äußerungen von PolitikerInnen der Linken, Grünen und FDP finden. Zum Teil sogar bei der SPD und der CDU.
Leider scheint es mir, dass sich die Behandlung meines Artikels vom medialen Zirkus um die Piratenpartei ablenken lässt. Schade, weil es in meinem Artikel viel mehr darum geht, (zu unserem Beruf höchst wichtigen) Themen inhaltlich und mit Bezug auf Informationsethik zu diskutieren.
Zweitens ist eine mangelhafte bzw. sehr selektive Auseinandersetzung mit meinen Argumenten zu bemerken.
In meinem Artikel steht ausdrücklich, dass es nicht darum geht, parteiisch zu handeln, sondern „Phänomene“ inhaltlich und professionell zu behandeln. Denn „[a]us welcher Ecke des politischen Spektrums diese Phänomene stammen, ist nicht Gegenstand unserer Kritik und unseres Handelns“ (S. 176-177).
Weiterhin wird ignoriert, dass das Engagement in der „physischen Welt“ im Artikel ausdrücklich betont wird. Ebenso wie die fehlende Behandlung von berufsrelevanten, gesellschaftlichen und politischen Themen in der Ausbildung.
Drittens, die Selektivität im Artikel endet nicht beim Inhalt meines Aufsatzes, sondern geht weiter bei der Darstellung meiner Person.
Sowohl in meinem Google-Profil als auch in Xing sind meine Mitgliedschaften in IFLAs KM-Sektion, FAIFE und B.I.B erwähnt. Diese gehen einige Jahre zurück, lange bevor ich mit der Piratenpartei etwas zu tun hatte. Bei denen ist die Mitgliedschaft auch viel aktiver in Form von Teilnahme an Konferenzen, Beiträgen und Poster-Präsentationen.
Auch wenn man meinen Blog durchklickt, erfährt man sehr schnell, dass ich mich mit Themen der Informationsethik seit einigen Jahren beschäftige, im lokalen und internationalen Kontext. Dies ist eine weitere Tatsache, die im Artikel komplett ignoriert wird, um mein Engagement in der Piratenpartei in den Mittelpunkt zu setzen.
Woher in Xing die Information entnommen wurde, dass ich „Erfahrung in der Informationstechnologie“ habe, ist mir ein Rätsel. So eine Erfahrung habe ich nicht und es steht auch nicht in meinem Xing Profil. Meine berufliche Erfahrung ist im Bereich Wissensmanagement. Wenn die AutorInnen das als „Informationstechnologie“ verstehen, dann weiß ich selber nicht mehr.
Bei Wissensmanagement jedenfalls, geht es nicht um Trends sondern um zukunftsorientierte und langfristige Prozesse.
An dieser Stelle noch eine Anmerkung zur Diskussionskultur der heutigen Gesellschaft: Es wird kritisiert, dass ich eine schnelle Reaktion auf Ereignisse befürworte (obwohl gleichzeitig die Wichtigkeit einer transparenten Diskussion betont wird). Ich habe an keiner Stelle im Artikel den heutigen medialen Diskurs weder positiv noch negativ bewertet, vielmehr habe ich die Situation dargestellt und habe versucht zu überlegen und konstruktiv vorzuschlagen, wie damit umgegangen werden kann. Nicht um Aufmerksamkeit für Bibliotheken zu bekommen, sondern um die Diskussion über informationsethische Themen nicht nur anderen Akteuren zu überlassen. Ziel, wie im Artikel erwähnt, ist es „über den Bibliothekstresen hinaus“ zu schauen und zu agieren. Denn Bibliotheken und andere Informationseinrichtungen operieren nicht in einem Vakuum, sie operieren in einer Gesellschaft und müssen deswegen (meines Erachtens) an den Diskursen in dieser Gesellschaft beteiligt werden.
Nur weil ich mit der Realität der heutigen Diskursgeschwindigkeit konstruktiv umzugehen versuche, bedeutet das nicht, dass ich diese immer für gut erachte. Diese Realität zu ignorieren, nur weil man sie ablehnt, finde ich nicht viel besser.
Ein Beispiel dazu wäre IFLAs Reaktion zu ACTA – eine wichtige und inhaltliche Stellungnahme, die leider Monate nach den großen Protesten kam und kaum (wenn überhaupt) im öffentlichen Diskurs wahrgenommen wurde. Jetzt stellen Sie sich vor, sie wäre genau zu der Zeit der Proteste bekanntgemacht worden und durch soziale Medien, Blogs und die traditionelle Presse zirkuliert. Was für ein Impact es erreichen könnte, wenn der internationale Dachverband von Bibliotheken und Informationseinrichtungen ACTA kritisch betrachtet. Die Auswirkungen, die es auf die öffentliche Wahrnehmung von Bibliotheken als gesellschaftlich bewusst und aktiv haben könnte, sind nicht auszuschließen (obwohl diese meines Erachtens nur als positives Nebenprodukt bleiben sollen).
Und zum sprachlichen Aspekt: Ich lehne jede Art der Formulierung, die Geschlechter als dichotom darstellt bzw. ein oder mehrere davon ignoriert, ab. D.h. Formulierungen wie Besucher/-innen, Besucher-innen und in einigen Fällen auch Besucherinnen und Besucher. Ich bevorzuge Formulierungen wie BesucherInnen oder Besucher_innen (was in der Originalversion meines Artikels stand). Diese Formulierung behandeln aus meiner Sicht Personen aller Geschlechter gleich bzw. lassen Platz für Personen, die sich aus persönlichen, gesellschaftlichen, politischen oder biologischen Gründen nicht als männlich oder weiblich definieren. Auch wenn andere Autoren manchmal bevorzugen, nur Besucher anzusprechen und die anderen bloß „mitmeinen“ (oder ignorieren), damit es nicht im Auge der LeserIn stört, verweigere ich mich das ebenso zu machen. Und dies sind keine „Konstruktionen einer feminismuskritischen Satire“.
Die Redaktion vom Bibliotheksdienst hat meine Formulierung eigenständig geändert, wovon ich erst mit Erscheinung des Heftes erfahren habe. Alle Beschwerden wegen „feminismuskritischer Satire“ können bitte an diese adressiert werden.
Ein Schlusswort
Mein Artikel war und ist keine Wahlwerbung. Weder für die Piratenpartei noch für andere Parteien. Er wurde sogar verfasst, noch bevor ich in der Partei aktiv war (und erst einige Monate nach dem Verfassen veröffentlicht).
Es ist nicht verkehrt, wenn ich thematisch mit einer Partei arbeite, die meinen Idealen entspricht. Deswegen ist es in der Vergangenheit bereits mehrmals passiert, dass ich auch mit anderen Parteien kooperiert habe. Das wird in Zukunft wahrscheinlich auch weiterhin so sein.
Des Weiteren stimme ich DonBib von *Ultrà Biblioteka* zu. DonBib schrieb in Reaktion auf mein Artikel (was im Blog inhaltlich kritisiert wurde eine Reaktion, die meinen Artikel sachlich kritisiert), dass es wünschenswert wäre, BibliothekarInnen aktiv in allen Parteien zu sehen.
Unter den vielen Reaktionen zu meinem Artikel gab es sowohl Lob als auch Kritik. Ich wünschte mir diese würden weiterhin auf inhaltlicher Basis erfolgen und eine konstruktive Diskussion zum Platz unseres Berufsumfeldes in gesellschaftlichen und politischen Debatten führen. Nicht so wie es im „Vom helluō librōrum zum Bücherwurm 2.0?“ der Fall ist.
